Zunehmende Angriffe und begrenzte Abwehr
Die Ukraine setzt ihre Angriffe auf die russische Öl- und Gasinfrastruktur fort, um Russlands Einnahmen aus dem Export von Energieträgern zu verringern.
Auch Moskau wird im Vorfeld der Parade vom 9. Mai zunehmend zum Ziel ukrainischer Drohnen. Wolodymyr Selenskyj hat Drohnenschläge gegen die Parade bereits nicht ausgeschlossen.
Insgesamt ist eine deutliche Verschärfung der ukrainischen Drohnenangriffe auf Russland erkennbar.
Gleichzeitig ist die Aufgabe, den Schaden durch solche Angriffe zu minimieren, objektiv schwierig.
Wie sowohl der gegenwärtige Krieg in der Ukraine als auch der Krieg am Persischen Golf gezeigt haben, ist ein vollständiger Schutz vor Drohnenangriffen unmöglich. Wenn 100 bis 200 Drohnen auf ein Ziel gestartet werden, wird mindestens eine ihr Ziel erreichen. Russland und die Ukraine sind in den vergangenen Jahren im Kampf gegen Angriffsdrohnen am weitesten vorangekommen. Sie setzen dazu Luftfahrt, mobile Feuergruppen, Luftabwehrsysteme und verschiedene Arten von Abfangdrohnen ein. Dennoch erreichen Dutzende russischer Drohnen weiterhin selbst den Westen der Ukraine, ganz zu schweigen von Städten näher an der Front. Umgekehrt treffen ukrainische Drohnen russische Ölanlagen in einer Tiefe von mehr als 1000 Kilometern von der ukrainischen Grenze entfernt.
Die einzige Ausnahme von dieser Regel ist Moskau. Rund um die russische Hauptstadt ist es der Armee bislang gelungen, ein für Drohnen fast undurchdringliches Luftabwehrsystem aufzubauen, das vor allem auf zahlreichen Feuergruppen und den Systemen Pantsir beruht, die sich gerade im Kampf gegen Drohnen als wirksam erwiesen haben. Fast undurchdringlich ist dieses System, weil einzelne Drohnen mitunter dennoch nach Moskau gelangen, wie in der vergangenen Nacht, aber keinen grossen Schaden anrichten.
Ein ebenso dichtes System über ganz Russland oder auch nur über allen Öl- und Gasanlagen aufzubauen, ist praktisch unmöglich. Hinzu kommt, dass der Verbrauch an Pantsir-Munition zur Abwehr von Drohnenangriffen sehr hoch ist, was nach Angaben russischer Militärkanäle bereits zu Engpässen geführt hat.
Zweifellos werden die russischen Behörden angesichts der Priorität des Infrastrukturschutzes versuchen, die Produktion sowohl von Pantsir-Systemen als auch der dazugehörigen Munition zu steigern. Doch dabei gibt es Grenzen der Produktionskapazitäten, während Kiew immer mehr Drohnen einsetzen dürfte.
Russland setzt wie die Ukraine auch Abfangdrohnen zur Abwehr solcher Angriffe ein, doch auch sie sind kein Allheilmittel, wenn Hunderte Drohnen auf ein einziges Ziel zufliegen.
In beiden Ländern wird laufend an einer Verbesserung der Abwehr gearbeitet, doch weder in der Ukraine noch in Russland ist bislang eine Lage erreicht worden, in der alle Drohnen vollständig abgeschossen werden.
Warum Moskaus direkte Antwortmöglichkeiten begrenzt sind
In russischen Militärkanälen wird nach jedem Schlag gegen die Ölindustrie regelmässig die Frage gestellt, wie lange das noch hingenommen werden solle und wann die Ukraine endlich eine Antwort erhalten werde.
Lässt man einen Nuklearschlag ausser Betracht, sind Moskaus Möglichkeiten, der Ukraine einen vergleichbaren Schaden zuzufügen, durch die geringe Zahl entsprechender Ziele begrenzt.
Die Wirksamkeit von Drohnen gegen Objekte der Treibstoffinfrastruktur erklärt sich dadurch, dass solche Anlagen selbst dann leicht in Brand geraten, wenn eine Drohne nur eine kleine Sprengladung trägt. Bei Angriffen auf Kraftwerke, Industrieunternehmen oder Häfen, sofern sich dort keine Treibstoffterminals befinden, reichen Drohnen dagegen nicht aus, um schweren Schaden anzurichten. Dort wären Raketen oder Bomben nötig. Gerade deshalb sind unbemannte Fluggeräte bei Angriffen auf Öl- und Gasanlagen besonders effektiv.
In der Ukraine sind solche Ziele entweder bereits zerstört worden, wie etwa die Raffinerie in Krementschuk, oder sie sind schwer zu zerstören, etwa unterirdische Gasspeicher. Zugleich greift die russische Armee regelmässig Gasfelder, Treibstofflager und zuletzt auch Tankstellen an. Doch das ist offenkundig nicht jener Schaden, der die Ukraine angesichts der Unverhältnismässigkeit der Wirkung dazu zwingen würde, ihre Angriffe auf die russische Ölindustrie einzustellen. Russland finanziert den Krieg selbst, weshalb die Stabilität seiner Exporteinnahmen für das Land von kritischer Bedeutung ist. Die Ukraine hingegen führt den Krieg mit europäischem Geld. Die Zerstörung einzelner Industrieanlagen wirkt sich daher auf ihre Fähigkeit zur Kriegsführung insgesamt nicht grundlegend aus, abgesehen vom Fall eines totalen Blackouts, den Russland bislang nicht herbeiführen konnte.
Radikale Szenarien und nukleare Drohkulisse
Vor diesem Hintergrund wird immer wieder über radikale Antwortszenarien gesprochen, etwa über einen Nuklearschlag gegen die Ukraine oder über Angriffe auf Öl- und Gasanlagen in Europa, um Europäer unter Druck zu setzen, damit sie Kiew zu einem Stopp der Angriffe auf Russlands Ölindustrie oder allgemein zur Zustimmung zu den sogenannten Bedingungen von Anchorage für ein Kriegsende bewegen.
Für beide Varianten wäre allerdings eine Voraussetzung nötig: die Bereitschaft Russlands, Atomwaffen einzusetzen oder ein Ultimatum unter Androhung ihres Einsatzes zu stellen und diese Drohung im Fall einer Ablehnung auch wahrzumachen.
Denn selbst nichtnukleare Angriffe auf Europa könnten einen direkten Krieg Europas mit Russland auslösen, den Moskau mit konventionellen Mitteln nicht durchstehen würde. In einem solchen Szenario würde Russland die Europäer nach jedem konventionellen Schlag warnen, dass jede Gegenreaktion oder ein Bodeneinmarsch auf russisches Gebiet sofort einen Nuklearschlag nach sich ziehen werde, und sie zugleich auffordern, Kiew zur Zustimmung zu russischen Friedensbedingungen zu zwingen, um einen nuklearen Weltuntergang zu verhindern.
Das wäre jedoch ein extrem gefährlicher Weg, weil sich die Reaktion weder Europas noch der USA noch Chinas vorhersagen liesse. Gerade diese Risiken haben Moskau bislang davon abgehalten, Atomwaffen einzusetzen. Sie bleiben das letzte Mittel für den Fall wirklich globaler Probleme.
Die Wahrscheinlichkeit solcher katastrophalen Szenarien hängt deshalb direkt vom tatsächlichen Ausmass des Schadens ab, den die ukrainischen Angriffe Russland zufügen.
Über dieses Ausmass kursieren sehr unterschiedliche Einschätzungen, von sehr weitreichenden bis zu deutlich bescheideneren. Zumal steigende Weltmarktpreise für Öl den russischen Staatshaushalt unabhängig vom Exportvolumen füllen.
Allgemein entwickelt sich die Lage in der Welt wegen des Krieges im Iran aus Sicht Russlands eher vorteilhaft. Dabei geht es nicht nur um eine mögliche Blockade der Strasse von Hormus, die Preise steigen lässt und Russlands geopolitische Bedeutung als Lieferant von Energieträgern und anderen Rohstoffen erhöht, sondern auch um die sichtbaren Grenzen der Möglichkeiten der USA als Führungsmacht des globalen Westens, um die Spaltung innerhalb des Westens zwischen den USA und der EU sowie um die wachsenden Probleme der europäischen Wirtschaft, die die Stabilität der Unterstützung für Kiew infrage stellen.
Unter solchen Bedingungen besteht für Wladimir Putin im Grunde keine Notwendigkeit, abrupte Schritte in Form eines Krieges mit Europa oder des Einsatzes von Atomwaffen zu unternehmen. Umso mehr, als sich an der Front aus russischer Sicht derzeit nichts kritisch Negatives ereignet.
Dennoch hängt alles vom Ausmass des Schadens ab, den die ukrainischen Angriffe Russland zufügen.
Psychologischer Druck und Gefahr der Eskalation
Hinzu kommt ein psychologischer Faktor: Die ständigen Angriffe werfen bei vielen Russen die Frage auf, was die Behörden zu ihrem Schutz eigentlich unternehmen. Das trifft auf eine wachsende Unzufriedenheit in der Gesellschaft über den langen Krieg und die damit verbundenen Einschränkungen. Die These, warum solche Schläge zugelassen würden und was der Kreml sich dabei denke, wird bereits breit genutzt, um diese Tendenzen zu verstärken. Auch das kann Druck auf den Kreml ausüben.
In Kiew und im Westen wird erklärt, auf diese Weise Druck auf Moskau auszuüben, damit Russland einem Stopp des Krieges entlang der Frontlinie zustimmt. Ein solcher Ausgang ist theoretisch möglich. Dafür müsste sich in Russland aber aktiv die Vorstellung durchsetzen, dass ein Kriegsstopp entlang der Frontlinie ein Sieg Russlands und Putins wäre und deshalb ein jetziges Einfrieren des Konflikts den Triumph festhalten würde. Genau das ist in Russland jedoch nicht zu beobachten. Im Gegenteil wird dort ständig erklärt, dass eine solche Variante inakzeptabel sei.
Auch im Westen wird immer wieder betont, Putin verliere und müsse daher Zugeständnisse machen. In westlichen Medien läuft dazu inzwischen eine ganze Kampagne, die auch von Selenskyj aktiv unterstützt wird und darauf abzielt zu zeigen, wie schlecht die Lage Russlands sei und wie sehr Putin geschwächt sei.
Auch das drängt den Kreml dazu, den Krieg nicht zu stoppen, damit ein solcher Schritt nicht wie eine Niederlage aussieht. Umso mehr, da Russland über einen nuklearen Hebel verfügt. Ob Putin ihn als Reaktion auf ukrainische Angriffe einsetzt, hängt jedoch unmittelbar davon ab, wie kritisch der angerichtete Schaden ausfällt. Denn dieser Weg ist auch für Russland selbst äusserst riskant.
Wahrscheinlich würden einer solchen Entwicklung zunächst verbale Drohungen vorausgehen, die Putin den Europäern über Donald Trump übermitteln würde. Nach dem, worüber Trump mit dem britischen König gesprochen hat, könnten solche Warnungen möglicherweise bereits weitergegeben werden. Nach dem Verhalten der europäischen Staaten und der ukrainischen Führung sieht es allerdings nicht danach aus, als würden sie diese Drohungen ernst nehmen, zumindest bislang nicht.
In jedem Fall nähert sich der Krieg in der Ukraine derzeit einem äusserst gefährlichen Punkt, an dem beide Seiten ihre Einsätze scharf erhöhen könnten.
Derzeit erhöht vor allem Kiew gemeinsam mit seinen westlichen Verbündeten den Druck, um einen für sie negativen Trend zu verändern, der sich durch den Krieg im Iran ergeben hat, und um den Eindruck einer Wende im Krieg zugunsten der eigenen Seite zu erzeugen. Damit sollen die Moral der Gesellschaft, die Bereitschaft Europas zur weiteren Unterstützung der Ukraine sowie die Unzufriedenheit und die kritische Stimmung in der russischen Gesellschaft gestärkt werden.
Der Kreml hält sich bislang mit abrupten Schritten zurück. Er könnte aber jederzeit zu ihnen greifen, falls er den Schaden durch die ukrainischen Aktionen als kritisch und inakzeptabel einstuft.
Am Ende könnte die Lage in eine grosse Eskalation kippen, in der alle Szenarien möglich werden, einschliesslich der katastrophalsten.
Um das zu vermeiden, gibt es nur einen Weg: den Krieg in der Ukraine so rasch wie möglich zu beenden.



