Wachsende Skepsis gegenüber schnellen Verhandlungen
In Europa sinken laut einem Bericht der New York Times die Erwartungen, dass der Krieg in der Ukraine bald auf dem Verhandlungsweg beendet werden kann. Die USA konzentrierten sich zunehmend auf andere strategische Schwerpunkte, während weder Kiew noch Moskau derzeit einen klaren Weg zu einem militärischen Durchbruch hätten.
Der Analyst James Sherr sagte der Zeitung, man befinde sich faktisch wieder an einem ähnlichen Punkt wie zu Beginn der Verhandlungen. In Europa setze sich demnach stärker die Einschätzung durch, dass die Kriegsziele der Ukraine und Russlands derzeit nicht vereinbar seien. Daraus leite sich vor allem ein Kurs ab: die Unterstützung für Kiew fortzusetzen und einen Sieg Moskaus zu verhindern.
Unterstützung ohne klare Exit-Strategie
Zugleich wird in der EU laut dem Bericht eingeräumt, dass eine klare Strategie zur Beendigung des Krieges fehlt. Claudia Major vom German Marshall Fund sagte, der Westen habe versucht, den Druck auf Russland zu erhöhen, der Ukraine aber nicht genügend Mittel zur Verfügung gestellt.
«Im Moment versuchen wir einfach, die Ukrainer im Spiel zu halten, bis sich in Moskau etwas ändert. Aber das ist keine Strategie.»
Der Bericht verweist zudem auf europäische Kreditzusagen von 90 Milliarden Euro, die Kiew für die nächste Zeit finanziellen Spielraum geben sollen. Der Direktor des Carnegie Eurasia Center, Alexander Gabujew, wird mit der Einschätzung zitiert, die Ukraine brauche deshalb in diesem Jahr unter keinen Umständen einen Deal.
Auch Russland setzt auf Zeit
Nach Darstellung der Zeitung kalkuliert auch Russland mit einem langen Krieg. Dabei setze Moskau unter anderem auf Einnahmen aus hohen Energiepreisen.
Zugleich hoffen europäische Regierungen dem Bericht zufolge darauf, dass Russland sich mit der Zeit bereit zeigen könnte, den erreichten Frontverlauf einzufrieren und in Verhandlungen einzutreten. Europäische Beamte gehen demnach jedoch davon aus, dass Moskau Gespräche mit Washington einem Dialog mit Brüssel vorzieht.
In der EU wird demnach ausserdem anerkannt, dass die Union wegen ihrer offenen Unterstützung für die Ukraine aus russischer Sicht nicht als neutrale Vermittlerin wahrgenommen wird.
Spannungen im Verhältnis zu Washington
Die New York Times schreibt zudem, Wolodimir Selenskyj reagiere verärgert auf die Haltung der USA. Nach seiner Einschätzung würden die Vereinigten Staaten weiterhin russische Forderungen berücksichtigen, darunter Fragen im Zusammenhang mit einem möglichen Rückzug ukrainischer Truppen aus dem Donbass.
Damit zeichnet der Bericht ein Bild wachsender Ernüchterung: Europa setzt seine Hilfe für die Ukraine fort, sieht aber derzeit keinen klaren politischen Weg, wie der Krieg beendet werden könnte.



